HOSI Salzburg

#TEENSTARLEAKS

(20. November 2018)

In Salzburg, Nieder- und Oberösterreich bietet der religiös-fundamentalistische Verein TeenSTAR sexualpädagogische Workshops an. Wir haben interne Dokumente an den Falter gespielt, der morgen über die Affäre berichtet. 

#TEENSTARLEAKS: Religiöser Fundamentalismus an Schulen

Salzburg, 20.11.2018 – Der Falter berichtet morgen über die Ideologie hinter TeenSTAR. HOSI Salzburg spielte interne Dokumente zu. Bildungsministerium prüft, Landesschulrat Salzburg untersagt Workshops. 

Nach außen gibt sich der Verein TeenSTAR gerne modern und predigt den Zugang einer ganzheitlichen Sexualität. In Salzburg, Nieder- und Oberösterreich bietet TeenSTAR Aufklärungsworkshops in Volksschulen und so genannte TeenSTAR-Kurse für Jugendliche an. Interne Unterlagen, die der HOSI Salzburg zugespielt wurden, zeigen ein ganz anderes Bild: Masturbation als Problem, kein Sex vor der Ehe als Ziel und Homosexualität als Identitätsproblem. In so genannten TeenSTAR-Kursen führen Kursleiter*innen beratungsähnliche Einzelgespräche mit 12- bis 14-Jährigen und stellen dabei zutiefst übergriffige Fragen – von „Wie hast du deine erste Blutung (deinen ersten Samenerguss) erlebt?“ bis zu Fragen zur eigenen Sexualität, Schwangerschaft und Sex vor der Ehe.

„Es ist äußert bedenklich, wie TeenSTAR unter dem Deckmantel einer scheinbar modernen und ganzheitlichen Sexualpädagogik sein christlich-fundamentalistisches Netz webt und über Kinder und Jugendliche auswirft“, so Kathleen Schröder, Bildungsbeauftragte der HOSI Salzburg und Gesundheitspräventologin. „TeenSTARs Vorgehensweise ist durchwegs ideologisch geprägt, wirkt manipulativ und ist auch unter gesundheitspräventiven Gesichtspunkten abzulehnen.“

Homosexualität als Krankheit

In den TeenSTAR-Unterlagen wird Homosexualität als „Identitätsproblem“ bezeichnet. Eine Änderung der sexuellen Orientierung sei möglich, „oft durch eine Kombination von Therapie, speziellen Selbsthilfegruppen und geschulter Seelsorge“, heißt es im Einführungstext zum Thema Homosexualität.

„Die Ansicht, dass Homosexualität eine Identitätsstörung sei, die geheilt werden könne, war schon in den 1990er Jahren veraltet“, so Paul Haller, Geschäftsführer der HOSI Salzburg. Bereits 1992 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus ihrem Diagnoseschlüssel. „Wir sind schockiert, wie offen in den Unterlagen homophobes Gedankengut verbreitet wird. Insbesondere die Hinweise auf Konversionstherapien machen uns große Sorgen. Es ist hinreichend bekannt, wie schädlich diese Schein-Therapien sind. Wer den Schutz von Kindern und Jugendlichen ernst nimmt, darf nicht die Schultüren für religiös-fundamentalistische Vereine wie TeenSTAR öffnen.“

Verbot von Konversionstherapien

Die HOSI Salzburg fordert ein sofortiges gesetzliches Verbot von Konversionstherapien, die darauf abzielen nicht-heterosexuelle Orientierungen zu „heilen“. In einer gemeinsamen Stellungnahme der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik (ÖGPP) und der Bundesfachgruppe Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin (BFG) sprechen sich die Berufsverbände „entschieden gegen Sichtweisen aus, die beinhalten, dass Homosexualität eine sexuelle Fehlentwicklung bzw. Erkrankung sei, die durch Interventionen korrigiert werden könnte bzw. sollte.“ Aus wissenschaftlicher Sicht können Konversionstherapien erheblichen Schaden zufügen, während keinerlei empirische Evidenz für positive Effekte von Konversionstherapien vorliege.

Die TeenSTAR-Unterlagen zeigen wie aktuell das Thema Konversionstherapien auch in Österreich ist. Wenn Jugendliche in TeenSTAR-Kursen „homosexuelle Empfindungen“ äußern, sind Kursleitungen dazu aufgefordert, an „gutes Fachpersonal“ und an „gute Beratungsstellen“ zu vermitteln. Eine Liste dieser Beratungsstellen ist den umfangreichen Unterlagen nicht beigefügt und nicht öffentlich einsichtig, sondern muss beim Verein TeenSTAR erfragt werden. „Wir wollen von TeenSTAR wissen, welche Beratungsstellen das sind. Was sind ‚gute Beratungsstellen‘ für einen Verein, der Homosexualität als Identitätsstörung sieht, der Schwangerschaftsabbrüche um jeden Preis verhindern möchte und der Transgender-Personen als krank behandelt“, fragt HOSI-Salzburg-Obfrau Gabriele Rothuber.

Veraltete Familien- und Rollenbilder

Mittelalterlich ist das in den Kursunterlagen vermittelte Familien- und Rollenbild. Im Zentrum stehen die Fruchtbarkeit der Frau und das Vater-Mutter-Kind-Familienmodell. Andere Familien- und Rollenbilder kommen nicht vor. Die Inhalte stehen im Widerspruch zum im Oktober 2018 neu veröffentlichten Grundsatzerlass „Reflexive Geschlechterpädagogik und Gleichstellung“ des Bildungsministeriums, der zu einem Abbau von kulturell tradierten Geschlechterstereotypen und patriarchalen Rollenbildern auffordert.

„Die von Teenstar vermittelten Familienbilder sowie die Darstellung von Geschlechterrollen spiegeln ein zutiefst antiquiertes und rückschrittliches Weltbild wider. Dieses ignoriert einerseits gelebte Realitäten und trägt andererseits zur Verfestigung patriarchal geprägter Strukturen bei“, sagt Kathleen Schröder.

HOSI Salzburg übergab Dokumente an Bildungsministerium und Landesschulrat

Der 2015 überarbeitete Grundsatzerlass Sexualpädagogik stellt die wichtigste rechtliche Grundlage für sexuelle Bildung an Schulen dar. Laut Grundsatzerlass sollen in der Sexualpädagogik „wissenschaftlich gestützte, realistische und nicht verurteilende Informationen weitergeben werden“. Und weiter: Sexualpädagogik solle sich „am Prinzip der Gleichstellung der Geschlechter sowie der Vielfalt der Lebensformen (z.B. sexuelle Orientierung, Geschlechteridentitäten) orientieren“ und „an internationalen Menschenrechten ausgerichtet“ sein. Die Inhalte der TeenSTAR-Unterlagen stehen dazu in direktem Widerspruch.

Deshalb hat die HOSI Salzburg Ende Juli 2018 das Bildungsministerium und den Landesschulrat Salzburg schriftlich um eine Überprüfung der Unterlagen und eine Unterbindung von Schulworkshops gebeten, die die psychosoziale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen gefährden. Die Unterlagen wurden Anfang August dem Bildungsministerium und Ende September dem Landesschulrat übergeben.

Landesschulrat reagierte schnell, Bildungsministerium prüft

Mit einem offiziellen Schreiben vom 10.10.2018, das der HOSI vorliegt, an die Direktionen aller allgemein bildenden Pflichtschulen stellte der Landesschulrat Salzburg fest, dass „geplante und bereits vereinbarte Workshops zu unterlassen sind“. In Bälde würde ein klärendes Informationsschreiben des Bundesministeriums erfolgen. Das Bildungsministerium ist allerdings noch mit der Prüfung der TeenSTAR-Unterlagen befasst.

„Als Sexualpädagogin begrüße ich es, dass eine Prüfung der Teenstar-Unterlagen des Landesschulrates Salzburg einen Stopp dieser Angebote an den Schulen bewirkt hat“, so Gabriele Rothuber. „Nun liegt es am Bundesministerium, aus dessen Händen der Grundsatzerlass Sexualpädagogik stammt, ebenfalls nachzuziehen. Denn eine Ideologie, die etwa Homosexualität noch immer als therapiebedürftig ansieht, die die ‚Natürliche Familienplanung‘ für Jugendliche und ‚keinen Sex vor der Ehe‘ propagiert, hält sich weder an den Grundsatzerlass Sexualpädagogik, noch orientiert sie sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen oder an der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen. Im Gegenteil: Diese Ideologie schürt Hass gegen Minderheiten und stellt eine Gefahr für Kinder und Jugendliche dar.“

„Der Landesschulrat Salzburg hat mit dem einstweiligen Stopp aller TeenSTAR-Workshops schnell und richtig gehandelt. Die Überprüfung der Unterlagen durch das Bildungsministerium kann eigentlich nur zu dem Ergebnis kommen, dass die Inhalte nicht mit dem Grundsatzerlass Sexualpädagogik vereinbar sind. Ein bundesweiter Stopp der Workshops ist die logische und dringend notwendige Konsequenz“, so Paul Haller abschließend.

 

Rückfragehinweis:

Gabriele Rothuber, Obfrau HOSI Salzburg, intersex@hosi.or.at

Paul Haller, Geschäftsführer HOSI Salzburg, +4369910785723, paul.haller@hosi.or.at

Kathleen Schröder, Bildungsbeauftragte HOSI Salzburg, +436763108591, schule@hosi.or.at

 

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