HOSI Salzburg

Generationentalk

(6. Juli 2017)

Als Praktikantin in der HOSI Salzburg lernt man spannende Menschen kennen. Eine davon ist Birgit Meinhard-Schiebl, die Ausschnitte aus ihrem spannenden Leben mit mir geteilt hat. Mit der 71-jährigen Schauspielerin, Werbekonsulentin, Erwachsenenbildnerin und Sozialmanagerin habe mich über Homosexualität im Alter und ihre ganz persönliche Geschichte rund um das Coming-out unterhalten. Was dabei raus kam, könnt ihr hier nachlesen.

Interview mit Birigit Meinhard-Schniebl

Katrin Griessner: Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass du dich nicht zu Männern hingezogen fühlst?

Als Kind habe ich mich öfter mal in Mädchen verliebt, aber nie in Buben. Aber dabei habe ich mir nichts gedacht.

Als Jugendliche hatte ich ein paar Mal Beziehungen mit jungen Männern, aber sie haben mich erotisch nicht angezogen. Es war einfach ein Versuch.

KG: Wie war das damals? In dieser Zeit?

Es war für mich nicht besonders ungewöhnlich, mich für Frauen zu interessieren. Es hat mir niemand gesagt, dass man das nicht darf. Ich habe einfach herumprobiert, wie das überhaupt geht, mit der Liebe. Es gab wenig Maßstäbe für mich, nur eine Freundin, der ich davon erzählt habe, hat mir eine Moralpredigt gehalten.

KG: Wann war dein Coming-out?

Mein damaliger Freund hat mich in ein Homosexuellenlokal mitgenommen, offenbar hat er gespürt, dass ich anders bin als andere Mädchen. Dort habe ich mich auf der Stelle in eine Frau verliebt und damit war es dann schon klar, dass  ich „anders“ bin. Das war mir zwar schon länger klar, aber ich konnte es nicht wirklich benennen. Es war eher so, dass er mich geoutet hat dadurch. Ich habe aber dann gewusst, dass ich eben Frauen interessant finde und mich nicht für Männer interessiere.

KG: Wie hat die Familie reagiert? Gab es positive/negative Erlebnisse?

Ich habe zu diesem Zeitpunkt bereits allein gelebt, sehr ungewöhnlich. Ich habe nur meiner Mutter im Ausland mitgeteilt, dass ich mich in Frauen verliebe. Sie hat mir sehr cool geantwortet, das würde schon wieder vergehen. Es sei nur schade, dass sie jetzt keine Enkelkinder bekommen würde. Viel mehr war da nicht. Ich hatte Entrüstung erwartet, aber die blieb aus. Meine andere nächste Bezugsperson in der Familie hat überhaupt nie darüber gesprochen, sondern einfach akzeptiert, dass ich mit Frauen lebe. Da jede Form von Sexualität für sie ein Tabu war, war das auch kein Thema. Außerdem hat sie mich geliebt und hätte mir nie etwas in den Weg gelebt.

KG: Wie offen bist du zur damaligen Zeit mit deiner Homosexualität umgegangen?

Ziemlich offen, ich habe einfach mit einer Frau zusammengelebt und in einer Schauspielschule war das auch kein Thema. Das war ein Ort, an dem man sich mit solchen Fragen nicht auseinandergesetzt hat. Da war dauernd jemand in jemanden verliebt oder auch nicht. Egal ob Mann oder Frau.

KG: Deine erste große Liebe..?

Das war eher eine geheime Liebe. Eine Kollegin im Job, wir haben einander zwar angebetet, aber hatten keine wirkliche Beziehung. Es war eine sehr romantische Liebe. Danach hatte ich dann meine erste wirkliche Beziehung.

KG: Wie offen kommunizierst du deine Sexualität heute ?

Ich lebe seit Jahrzehnten offen meine Liebe zu Frauen und wehre mich aber dagegen, dass immer nur die Sexualität damit gemeint ist. Sie ist ein wichtiger Teil, aber nicht alles in einer Beziehung. Ich lebe ja auch in einem Umfeld, in dem es das Tabu der Homosexualität nicht gibt und das seit Jahrzehnten, obwohl ich nicht in der Szene bin und auch nur ganz ganz selten als jüngere Frau dort mal war.

Mein Umfeld ist bunt gemischt, meine engsten Freund*innen sind nicht homosexuell oder manche sind es. Lustig ist nur, dass ich gerade jetzt als ältere Frau immer wieder darauf angesprochen werde zur Frage der Sexualität. Ich habe als junger Mensch Sexualität sehr wichtig genommen, im Lauf der Jahre und Beziehungen steht aber die Vertrautheit, das Vertrauen im Vordergrund und die Möglichkeit, auch in einer deklarierten homosexuellen Beziehung eigenständig zu leben und autonom zu sein.

KG: Gab es Erlebnisse, positive sowie negative,  die dich besonders geprägt haben? War es gesellschaftlich je ein Problem?

Nur ganz kurz, als junge Frau, da gab es mal Troubles in meinem Arbeitsleben deshalb, aber das war eine kurze Episode, die aber dann auch wieder vorbei war. Gesellschaftlich habe ich keine Probleme gehabt, vielleicht weil ich auch in eine Zeit des Aufbruchs hineingefallen bin, in der offene Beziehungen ein Versuch war, aus den bürgerlich-traditionellen Rollenbildern auszusteigen und so zu leben, wie man es will. Dass wir dabei teilweise kläglich gescheitert sind, finde ich heute noch sehr bemerkenswert.

KG: Bist du liiert? Verheiratet?

Ich bin liiert, war es auch immer, also mehr als 50 Jahre hindurch, nur mit verschiedenen Partnerinnen, die mir alle ganz wichtig sind und zu denen ich, mit einer einzigen Ausnahme, einen guten und nahen Kontakt habe. Die einzige Ausnahme ist meine erste Beziehung, da diese Frau gestorben ist, ebenso wie ihre beiden Kinder. Wobei die Tochter ein ganz enges Verhältnis zu mir hatte. Ich war verheiratet, allerdings war das eine reine Zweckgemeinschaft, bei der es um eine Wohnung für ihn ging. Wir haben keine Beziehung zueinander gehabt, waren nur befreundet. Wir haben uns nach 5 Jahren wieder scheiden lassen. Sogar das war ein lustiges Ereignis. Er hatte eine sehr liebe Mutter, die problemlos mitgespielt hat.

KG: Hast du je etwas bereut?

Wenn es um mein Liebesleben geht, nein, da bereue ich nichts – und sonst auch nichts. Es war in stürmischen Zeiten oft ein ziemliches Durcheinander und es gab – in der Rückschau – ein paar schöne, dramatische Inszenierungen. Aber bereut habe ich sie nicht. Sie haben ja auch vieles bewirkt.

KG: Wie siehst du es heute? Wie gehst du mit der heutigen Politik um?

Ich rede öfter mal auch mit jungen Frauen darüber und merke, dass es zwar einerseits in bestimmten Kreisen kein Problem ist, offen homosexuelle Beziehungen zu leben, aber ich weiß, dass das mit Sicherheit nicht für alle gilt. Je nach sozialer Schicht und der Verhältnisse rundherum ist die sexuelle Orientierung auch entweder offen und möglich oder wird versteckt oder offen sanktioniert. Auf der politischen Ebene in Österreich traut sich heute selten jemand, Homosexualität in irgendeiner Form anzugreifen. Dazu tragen auch die Medien bei, die ja eine bedeutende politische Rolle spielen. Das heißt nicht, dass alles gut ist. Aber der rechtliche Schutz ist heute weitgehend gesichert und das Recht auf ein gleichberechtigtes Leben als homosexuell orientierter Mensch ist vorhanden.

KG: Findest du es gut, dass LGBTIQ* Themen jetzt öffentlich kommuniziert werden?

Natürlich sollen sie offen kommuniziert werden, als Selbstverständlichkeit. Sie sollen nur eines nicht – ausschließlich über die sexuelle Orientierung definiert werden. Um uns nicht in ein Eck zu stellen und damit einzuschränken und zu diskriminieren.

KG: Welchen Tipp hast du für junge homosexuelle Menschen?

Sich Beratung und Hilfe holen, wenn etwas Angst macht oder verunsichert. Es gibt heute Möglichkeiten dafür und das ist gut so. Und sich nicht abkapseln und nur in der eigenen kleinen Szene bleiben, das vernebelt die Sicht darauf, wo es notwendig ist, offen und ganz normal zu leben. Es gibt rundherum eine bunte Welt und das ist gut so.

KG: Würdest du etwas anders machen? Im nachhinein betrachtet?

Ich würde nichts anders machen, als es war. Ich gehöre zu den Menschen, die sich als Glückskinder bezeichnen. Letztlich ist immer alles gut gegangen und ich habe ein tolles, spannendes, ereignisreiches Leben gelebt und will es gerne noch eine Weile weiterleben.

KG: Was du mir noch sagen möchtest…

Mich hat es gefreut, dass Du mich gefragt hast. Vielleicht machen dir die Antworten Freude. Dann ist alles gut. Punkt.

 

 

 

 

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