HOSI Salzburg

Mine Vaganti

(5. August 2010)

MÄNNER AL DENTE, Nummer 1 von Italiens Kino-Hitparade jetzt im Filmkulturzentrum: Das Kino.

Ferzan Özpetek (*1959 in Istanbul, seit 1978 in Rom) schrieb bereits mit Hammâm, Le fate ignoranti und Saturno Contro italienische Filmgeschichte.

Mine vaganti hat alle Zutaten eines italienischen Familienfilms: ein konservativer Patriarch, der seine Frau betrügt, eine Ehefrau, die ihre Augen vor der Realität verschließt, die frustrierte Tochter in unerfüllter Ehe mit einem Mann, den sie verachtet, eine exzentrische ältliche Tante, die sich mit Alkohol, als Hustensaft getarnt, voll laufen lässt, die rebellische Großmutter, die ein Leben lang einer unerfüllten Liebe nachtrauert. 2 (!) alles andere als frustrierte schwule Söhne passen allerdings nicht in dieses Szenarium.

Die Cantones, Pasta-Fabrikanten-Dynastie aus Lecce, sind hoch angesehen. Nun ist es an der Zeit, das Unternehmen an die Söhne zu übergeben. Doch Tommaso, der jüngere der beiden, will genau das verhindern. Vor versammelter Sippe möchte er sich vor der Familie als schwul outen. Dann würde Papa Cantone den Sohn aus dem Hause werfen und er könnte in aller Ruhe sein Leben in Rom verbringen. Ein genialer Plan! Allerdings erzählt er seinem Bruder Antonio davon . Der verspürt genauso wenig Lust auf ein Leben als Pasta-Industrieller. Und dann sind da noch ein cholerischer Macho-Vater, eine heimliche Geliebte, ein Dienstmädchen, eine nymphomanische Tante und eine Großmutter. Chaos für den turbulenten Sommer der Cantones steht auf dem Programm.

Der populäre Jungstar Riccardo Scamarcio spielt Tommaso, einen jungen Burschen, der in Rom der in Rom Literatur studiert und offen mit seinem Freund lebt. Für seine Familie bleibt er der Muster-Hetero. Als er dieses Theater beenden und seiner Familie die Wahrheit sagen will, kommt ihm Antonio zuvor und bekennt sich als schwul. Antonio wird vom Vater, der einen Herzinfarkt erleidet, verstoßen. Tommaso muss nun als Papas einzige Hoffnung wohl oder übel die Nachfolge antreten.

Diese leichte Komödie über Tradition, Familien-Regeln, Fesseln, Katholizismus und Machismo führt wochenlang in Italien die Kino-Hitparade an. Und das trotz der komplexen Film- und Bildsprache, mit der Ozpetek unterschiedliche Zeitebenen verschachtelt.

In dieser Kleinstadt im südlichen Apulien liegen viele Mine vaganti verstreut, die nicht nur beim Bekenntnis schwuler Söhne hochgehen. Schwule mögen ja in großen Städten wie Pilze aus dem Boden schießen, aber nicht in seiner Familie! Das meint jedenfalls der Vater, der Moral nur nach außen demonstriert. Tommaso möchte die Erwartungen der Eltern  nicht zu enttäuschen, aber doch seinen eigenen Bedürfnissen entsprechend leben.

Diese Sittenkomödie des Wahlrömers Ozpetek voll grotesker Charakteren und witziger Pointen behandelt sensibel und kraftvoll die Fragilität von Beziehungen: Ein Kabinettstück ist der Besuch von Tommasos schwulen Freunde aus Rom, die als „Heteros“ mit familiärer Frauenpower konfrontiert sind. Alltäglicher Wahnsinn und emotionale Aus- und Zusammenbrüchen lösen sich charmant im sanften Licht Süditaliens auf. Zickige Dialoge, eine von italienischer Folklore inspirierte Filmmusik und Patty Pravo Song Sogno untermalen diesen heiter hintergründigen, melancholisch, witzigen Film.

›Leichtfüßig und charmant. MÄNNER AL DENTE ist großartiges italienisches Kino‹, meint KINO-ZEIT.DE

Italien 2010; Regie: Ferzan Ozpetek; Drehbuch: Ferzan Ozpetek, Ivan Cotroneo; Kamera: Maurizio Calvesi; Schauspieler: Riccardo Scamarcio, Nicole Grimaudo, Alessandro Preziosi, Ennio Fantastichini; Musik: Pasquale Catalano; OF Italienisch mit UT in Deutsch.

www.daskino.at

 

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